Wie frei sind wir eigentlich? - Freier Wille aus buddhistischer und wissenschaftlicher Sicht

Ein Dialog zwischen Lama Tilmann Lhündrup und Prof. Stefan Schmidt

Einen Mitschnitt der Veranstaltung können Sie hier anhören. (Das Urheber- und Nutzungsrecht bleibt uneingeschränkt bei den Referenten).


Die Diskussion um den freien Willen des Menschen zeigt sich oft in einem merkwürdigen Paradox. Zum einen erleben wir uns selbst meist als frei und damit fähig, nach unserem Willen zu entscheiden; zum anderen gehen aber vor allem neurowissenschaftliche Forscher/innen aufgrund zahlreicher neuerer Studien mehrheitlich davon aus, dass diese empfundene Freiheit eine Illusion ist.

Wir versuchen uns diesem Paradox in einem Dialog zu nähern. Der Dialog soll dabei paradigmatisch für einen neuen ganzheitlichen Wissenschaftsbegriff stehen, der sich nicht nur auf die äußeren, objektivierbaren Erfahrungen, wie sie aus Experimenten gewonnen werden, beschränkt, sondern auch die inneren Erfahrungen berücksichtigt. Die buddhistische Tradition bietet dabei mit ihrer durch Meditation gewonnenen Geistesschulung einen fruchtbaren Zugangsweg.
In der neurowissenschaftlichen Forschung wird untersucht zu welchem Zeitpunkt man bei einer willkürlichen Entscheidung die damit verbundenen neuronalen Vorgänge identifizieren kann. Interessanterweise liegen diese oft vor dem Zeitpunkt, der als Moment der Entscheidung empfunden wird. Neben der Frage nach der angemessenen Interpretation dieser Experimente stellt sich nun auch die Frage nach der Rolle des Bewusstseins bei Entscheidungen. Wie entscheiden wir überhaupt?

Auf dem buddhistischen "Weg der Befreiung" spielt die Möglichkeit, sich 'frei' für die eine oder andere Handlungsweise zu entscheiden, eine zentrale Rolle. Welche Freiheit haben wir eigentlich? Ist sie nur ein eingebildeter freier Wille - ein Mythos? Wie frei ist ein Erwachter in seinem Denken und Handeln? Gibt es Anzeichen für zunehmende innere Freiheit? Diese Fragen werden in der buddhistischen Tradition tief reflektiert.

An diesem Abend wollen wir zunächst eine buddhistische und eine neurowissenschaftliche Sichtweise zum ‚Freien Willen‘ darstellen und uns anschließend in einem Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität darüber austauschen. Grundlage für diesen Dialog ist die Zusammenarbeit zwischen der Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie mit Lama Tilmann Lhündrup. In einem Standardexperiment zum Freien Willen, dem sogenannten Libet-Experiment, fungierte Lama Tilmann dabei als eine Versuchsperson, die im Gegensatz zu vielen anderen in der Lage ist, präzise über die inneren Abläufe und Ereignisse bei einer willkürlichen Entscheidung zu berichten.

  Lama Tilmann Lhündrup ist Arzt und seit 1994 buddhistischer Lehrer in der tibetischen Tradition. Nach sieben Jahren ‚Retreat’ betreute er 17 Jahre lang mehrjährige buddhistische Zurückziehungen, veröffentlichte auch einige Übersetzungen aus dem Tibetischen und lebt seit Neuestem in Freiburg. Er leitet Seminare zum Entwickeln von Gewahrsein und hilft mit, Brücken des Verständnisses zwischen Ost und West zu finden.

  Stefan Schmidt ist Junior-Professor für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). Parallel leitet er am Universitätsklinikum Freiburg, Abt. Psychosomatische Medizin die Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie. Dort erforscht er seit vielen Jahren die Wirkungen von Meditation und achtsamkeitsbasierten Verfahren.

 
 

Veranstaltung in Kooperation mit der Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg.